Hinterland

Ludwig

Man stelle sich vor, eine Stadt liegt nicht nur idyllisch an einem bekannten und beliebten Fluss, sondern kann auch noch auf das Erbe eines weltberühmten Sohnes verweisen. Marbach liegt am unbedeutenden Neckar, Frankfurt und Mainz am langweiligen Main, Trier an der flachbrüstigen Mosel, Eisenach am Mühlgraben … Also, die Kombination weltbekannter Strom und weltbekannter Mann ist rar und wertvoll. Marktfähig. Geldwert. Geld wert. Da weiß auch der Laie, das agile Stadtmarketing wird mittels Nippes und geschickt gestalteten Werbeanzeigen Menschen und ihre Geldbeutel anlocken, so wie es in zahlreichen Städten und auch kleineren Gemeinden in der gesamten westlichen Welt zum Zwecke der Umsatzsteigerung – und natürlich zum Gedenken an den bereits vergangenen Sohn – geschieht und üblich ist.

Nun ergibt sich ein runder Geburtstag, der das Gedenken quasi erzwingt und die idyllische Stadt am Rhein macht sich auf, eine Feier zu gestalten. Sich selbst für sehr wichtig haltende andere, noch lebende Männer übernehmen die Planung und bereiten an zahlreichen langen Abenden gestärkt von vielen Litern heimischen Gebräus einen langen Tisch mit einigen Girlanden vor, laden hier und da einige Gäste und versinken im regionalen Morast. Da muss dann erst jemand von weit her kommen, um die Ambitionen zu erhöhen: Es ist Franz Liszt, der aus Wien anreist, um das Gedenken an seinen Helden Ludwig ins rechte Licht zu setzen. Er nimmt die Vorbereitungen in die Hand und verwandelt die Hausparty in eine internationale Bühne und schaffte es, neben der rechtzeitigen Fertigstellung des Denkmals für Beethoven binnen weniger Tage auch noch einen Konzertsaal aus dem Boden zu stampfen. Aber auch ihm gelingt es nicht für die zahlreichen auswärtigen Besucher Unterkünfte zu organisieren. Die Geschichte ist fast 200 Jahre alt. Aber irgendwie scheinen die Männer von damals das Schicksal zu teilen, immer wieder geboren zu werden und in Bonn ein ums andere Mal die Geschicke der Stadt in zähen Morast zu lenken … bis sie vielleicht eines Tages erlöst werden – dann aber auch wir, die gemütlichen Bewohner der idyllischen Stadt am romantischen Rhein.

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