Neue Welt

airport

Gestern Nacht geriet ich in die neueste Aufführung des Präsidenten des großartigsten Landes der Welt – wie ja sogar Gott weiß. Er – also, der Präsident – schickte zunächst seine Frau vor die Menge, um ein Gebet aufzusagen und erschien dann endlich eine dreiviertel Stunde später als angekündigt höchstselbst vor der wahrscheinlich größten Menschenmenge, die sich jemals vor einem amerikanischen Präsidenten versammelt hat. Eine Menge von Menschen, deren Jubel für meine Ohren recht bescheiden klang. War da etwas mit dem Ton nicht in Ordnung? Weil meine Aufmerksamkeit nicht sehr fokussiert war, bemerkte ich erst nach einigen Momenten, woran es lag: Viele Frauen hielten pinkfarbene Schilder in die Höh, auf denen sie sich als Frauen outeten, ja sogar als Frauen, die für Trump sind. Als Kunstlehrerin habe ich mich schon immer gefragt, warum die Kinder alle möglichen Dinge in ihren Bildern mit Namen versehen: Tiger, Tür, Tisch, Auto. Jetzt auch hier! Das gleiche Phänomen bei einigen anwesenden Schwarzen, das Label: Blacks for Trump. Hm. Und fast alle, die kein Plakat hochhielten, mit denen sie nebenbei den anderen die Sicht versperrten, reckten Smartphones in die Höhe, auf deren Displays sie starrten, um das Motiv während des Filmens nicht aus den Augen zu verlieren. Keine Hand war frei, um zu applaudieren! Ein paar Zurufe waren zu hören, aber ansonsten ziemliche Stille. Zudem sah so gut wie niemand den an, der hier zur Menge sprach! Denn es blieben nicht viele Augen übrig, die denen des Präsidenten direkt begegnen konnten. Alle starrten auf ihre Telefondisplays. Keine Hände, keine Augen, alle mit anderen Dingen beschäftigt! Ich habe mich gefragt, wie es so ist als Megastar nur noch eine Suppe aus Rückseiten von Mobilgeräten, Plakaten und ein paar Fingern zu sehen. Muss man sich da nicht einsam fühlen? In diesen Gedanken schwelgend bemerkte ich dann endlich, dass ich einer fake-Nachricht aufgesessen war! Das war gar kein echter Auftritt, in einem echten Flugzeughangar, in einem echten Land mit einem echten Präsidenten! Es war Kabarett! Make America’s airports great again! 

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