Ruhe bitte

Mein Schlaf ist derzeit nicht sehr erholsam. Und dafür mache ich die Vögel verantwortlich. Zu der wahnsinnig lauten Amsel am Bahnhof haben sich gefiederte Heerscharen in den Wipfeln um mein Schlafnest eingenistet, aber auch weit darüber hinaus. Wenn ich im Morgengrauen aufstehe und fasziniert aus dem Fenster lausche, höre ich, dass der Klangteppich aus Gezwitscher von Meisen, Pirolen, Rotkehlchen, Rotschwänzen und vielen anderen Flattertieren kein Ende nimmt. Selbst vom Horizont scheinen noch Piepsstimmen zu mir durchzudringen. Ein faszinierendes Konzert, in seiner Schrägheit extrem harmonisch. Um fünf Uhr in der Früh ist der Höhepunkt des nächtlichen Rufens und Lockens erreicht. Aber dann starten auch die Motorengeräusche in der Umgebung. Ich habe das Gefühl, dass die Stimmen lauter geworden sind als früher. Es könnte sein, dass meine auditive Empfindlichkeit gestiegen ist. Jetzt im Frühjahr ist es manchmal kaum auszuhalten, was im frisch erblühenden Wald alles so auf mich einströmt. Vielleicht liegt es auch an den gigantischen Bäumen hier, die immer mehr Tieren ein Zuhause bieten. Tatsächlich ist es aber so, dass die Welt lauter wird, überall. Es gibt kaum noch Orte, an denen das Dauerwummern von menschgemachten Geräuschen nicht zu hören sind. Und die Vögel müssen sich wehren, wenn sie überleben wollen. Sie singen lauter, höher, früher. Die Arten, die das ganz gut können, wie Amseln und Stare, verteidigen sich bravourös. Teilweise leider bis zum Schwächetod. Andere, wie der Spatz, der kein so eindrucksvolles Stimmvolumen aus der Kehle schütteln kann, haben das Nachsehen. Und was den Vögeln nicht gut tut, kann auch dem Menschen nicht dienen. Ruhe bitte.

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