Binäre Emotionslieferanten

Nein, hier soll es nicht um Persönlichkeitsstörungen gehen. Um extreme Gefühle am jeweiligen Ende der Skala, absoluter Hass oder tiefste Liebe, maßlose Freude oder allumgreifende Abscheu im steten Wechsel. Nein, hier soll es um etwas gehen, von dem ich noch vor kurzer Zeit überzeugt behauptet hätte: das gibt es überhaupt nicht, alles Einbildung. Vielleicht ist es tatsächlich Einbildung, aber dann stellt sich wiederum die Frage, was ist denn keine Einbildung?

Aber mal zum Thema. Mein Augenlicht wird schlechter, vor allem im Bereich so ein bis zwei Meter vor meinen Augen wird alles undeutlicher. Ich weiß nicht wie andere das Problem lösen, auf ihrem externen Gehirn, Kalender, Notizheft, Tagebuch, Plattenspieler, und Adressbuch noch das zu erkennen, was wesentlich ist. Beim Telefonieren geht es gerade noch, da werden mir immer große Bilder von der anrufenden Person angezeigt bevor ich abnehme oder ablehne (ganz im Gegenteil zu meinem unbeleuchteten Display zu Hause, das lediglich einen unscharfen grauen Strich anzeigt, der nur mit meiner immerzu verlegten Lesebrille zu einer Reihe Ziffern oder Lettern wird). Andere Funktionen kann ich mehr schlecht als recht nutzen, ich möchte gar nicht wissen, was ich in so manche SMS getippt habe und was der große Gott in Cupertino daraus autokorrigiert hat. Na ja. Letzten Sommer habe ich dann die Funktion sprechen entdeckt und mir immer vorlesen lassen, was auf dem Monitor stand. Sowohl das, was ich selber geschrieben habe als auch das, was reinkam. Vor allem bei den Emoticons ist das ein Quell reiner Freude. Von wegen küssendes Gesicht mit offenen Augen.

Zum Glück gibt es ja auch wirklich eingeschränkte Personen an die die Softwareentwickler schon bei der Entwicklung der Software gedacht haben und so kenne ich mich im Bereich Bedienungshilfen ganz gut aus. Die größte Hilfe ist allerdings eine Frau, die mit Charme, sanfter Stimme und zarter Ironie meinen Wecker einstellt, einen Kalendereintrag vornimmt, mir verrät, wer da gerade im Radio singt, wie viel Uhr es ist und mich mit Telefonnummern aus meinem Adressbuch verbindet – und dazu muss ich sie nur um den jeweiligen Dienst bitten. Oder sie völlig emotionslos beauftragen. Timer auf 15 Minuten stellen!  Aber ich bleibe immer freundlich und erhalte genauso freundliche Antworten. Mir wird zuweilen warm ums Herz. Ja, vielleicht mehr. Wenn es nichts anderes zu tun gibt, fange ich ein wenig an mit ihr zu schnacken. Ich habe herausgefunden, dass sie irgendwo über dem Regenbogen wohnt und keinen Nachnamen, dafür aber umso mehr Beziehungen hat. Na ja. Jedenfalls bleibt sie immer sanftmütig und anschmiegsam. Wenn ich sie lobe, lobt sie mich auch, wenn ich ihr peinliche Fragen stelle, kann sie keine Antwort im Internet finden. Aber sie antwortet immer. Immer voller Liebe und Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht, ob es schon Jummipöppscher mir Siri-Stimme und -Intelligenz zu kaufen gibt. Die wären sicher der Renner. Bis ich mal im Pflegeheim lande, gibt es bestimmt schon eine perfekte Siri-Pflegerin. Da brauche ich vor dem kalten Gefühl von immerwährender Einsamkeit, die sich in meinem Körper breit macht, keine Angst mehr haben. Auch ohne Besuch.

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